Polyzyklische Kohlenwasserstoffe im Reifen

Polyzyklische Kohlenwasserstoffe im Reifen

Gegenwehr der Kautschukindustrie

"Seit Jahren beobachten Experten einen dramatischen Anstieg bei Atemwegserkrankungen. Kein Wunder. Obwohl der Emissionsschutz immer besser wird, Autoabgase mit scharfen Grenzwerten belegt sind, wird die Luft immer schlechter. Feinster Staub ruiniert die Gesundheit. Staub aus dem Gummi von Autoreifen. Garantiert krebsauslösend. Chris Humbs ist einem Umweltskandal auf der Spur." So lautete der Text der Internet-Seite des ZDF-Magazins "Kontraste" am 19.02.2004.

Noch wesentlich "kräftiger" ging es dann in der "Kontraste"-Sendung am Abend des 19.02.2004 zur Sache. Dort wurde berichtet, dass nach einer Studie des Berliner Umweltbundesamtes (UBA) viele Autoreifen deutscher Hersteller angeblich eine hohe Konzentration krebserregender Kohlenwasserstoffe enthielten. Die Richtwerte würden um ein Vielfaches überschritten. Beim Abrieb der Reifen auf der Straße bestehe die Gefahr, dass sich Partikel lösten. Es sei nicht auszuschließen, dass die krebserregenden Stoffe in den Körper übergingen und sich in der Lunge festsetzten. Für konkrete Gesundheitsrisiken gebe es zwar keine Belege, der Verzicht auf Benzo(a)pyrene wäre als "vorbeugende Maßnahme" jedoch zu begrüßen.

Einen rechtlich bindenden Grenzwert gäbe es zwar nicht. Der Richtwert läge bei einem Milligramm pro Kilogramm Öl. Nur wenige Reifenhersteller in Europa hielten diesen Wert zur Zeit ein. Laut UBA gebe es unbedenkliche Ersatzstoffe, aber dann koste die Reifenherstellung rund 50 Cent mehr. Die deutschen Pneuhersteller hätten eine Selbstverpflichtung zur Vermeidung der krebserregenden Stoffe abgelehnt. Aus Wettbewerbsgründen hätten sie sich für einen gesetzlichen Grenzwert auf EU-Ebene ausgesprochen. Diesen Wert werde es voraussichtlich im Jahr 2009 geben. Umgehend reagierte auf diese Darstellung die Kautschukindustrie in Form einer Pressemitteilung des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie e.V. (wdk).

Die Presseinfo hatte folgenden Inhalt: "Obwohl die EU-Kommission einen Vorschlag für eine Richtlinie erarbeitet und am 16.02.2004 veröffentlicht hat, der vorsieht, dass der Gehalt an polyzyklischen Kohlenwasserstoffen in aromatischen Weichmacherölen, die in der Reifenindustrie eingesetzt werden, ab dem Jahr 2009 auf eine Höchstmenge begrenzt wird, sucht das Umweltbundesamt im nationalen Alleingang die deutschen Reifenhersteller zu zwingen, bereits bis spätestens Ende 2005 auf diese Öle komplett zu verzichten.

Die Reifenindustrie unterstützt nach Aussage des Vorsitzenden des Wirtschaftsverbandes der deutschen Kautschukindustrie, Paul Eberhard Krug, die EU-Forderung und arbeitet gemeinsam mit der Mineralöl-Industrie und Herstellern von Synthesekautschuken intensiv an Ersatzlösungen für die in der Kritik stehenden Weichmacheröle. Diese sind mittlerweise gefunden, so dass alle neu auf den Markt kommenden Reifentypen keine aromatischen Weichmacheröle mehr enthalten.

Unverständlich ist der vom Umweltbundesamt ausgeübte zeitliche Druck, zumal das in der EU für die toxikologische Bewertung von Stoffen zuständige "Scientific Committee on Toxicity, Exotoxicity and the Environment (CSTEE), das von den einzelnen polyzyklischen Aromaten ausgehende Risiko für Gesundheit und Umwelt eher als niedrig einschätzt. Dem sofortigen kompletten Austausch der aromatischen Weichmacheröle steht nach Aussage von Paul Eberhard Krug entgegen, dass der Reifen ein - im Hinblick auf das "magische Dreieck" Rollwiderstand, Abrieb und insbesondere Reifenhaftung bei Nässe - optimiertes Produkt darstellt.

Die Ausgewogenheit dieser Eigenschaften ist bei einem 1:1-Austausch der aromatischen Weichmacheröle durch andere Öltypen nicht von sich aus gegeben. Sie lässt sich nicht am Computer simulieren, sondern erfordert lange Test- und Versuchsreihen. Da eine Gefährdung von Mensch und Umwelt durch aromatische Weichmacheröle als absolut gering anzusehen ist, steht für die Reifenindustrie das Thema Sicherheit des Reifens und damit des Autofahrers an erster Stelle. Diese darf, so Paul Eberhard Krug, keinesfalls einem ökologischen Schnellschuss geopfert werden."

(Quelle:Bundesverband Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk e.V.)